Sachsen

Was ist nur los in diesem Sachsen, in dem ich so gern lebe und Vertrauen in meine Mitmenschen habe? Geradlinig, freundlich, hilfsbereit. Menschen, die sich in Vereinen engagieren, im Ehrenamt arbeiten. Die Schönheit genießen und die ihre Ärmel hochkrempeln.

Am Februar 2016 erlebte dieses Land eine düstere Nacht. Dem voraus gegangen waren rechte Demonstrationen, hanebüchene Feindkonstruktionen, fremdenfeindliche Vorfälle – aber diese Nacht im erzgebirgischen Dorf Clausnitz hat mich tief erschüttert, weil dort Einheimische Aug in Auge standen mit Menschen, die nach der Flucht endlich Ruhe zu finden meinten im Land des Humanismus. Ihnen wurde der Einlass verwehrt.
Was für ein Hass, was für eine Kälte. Ich konnte es nicht fassen und ich will es bis heute nicht glauben, dass einigen Menschen ein Splitter ins Auge gefallen zu scheint.

Wenn ich durch unsere Orte fahre, sehe ich fast überall neue Dächer, sanierte Häuser. Die Arbeitslosigkeit ist enorm gesunken. Es herrscht sogar Fachkräftemangel. Nach der Zeit der krassen Sparpolitik und nach einer Wirtschaftskrise, die andere Länder stark geschädigt hat – geht es uns so gut wie lange nicht – oder nie. Der Mangel der Planwirtschaft scheint vergessen. Nicht vergessen, aber zu wenig ausgesprochen und verarbeitet, sind die Brüche der Nachwendezeit, als viele um ihre Existenz ringen und bei Null anfangen mussten. Ihre Lebensleistung wurde degradiert, aus dem Westen Kommende übernahmen Schlüsselpositionen. Die Anerkennung der Mühen bis zur Selbstverleugnung blieb aus.

Aber auch noch eine Ebene tiefer liegt Unverarbeitetes: Viele ältere Menschen in Sachsen haben selbst den durch Faschisten ausgelösten Krieg, sowie Flucht und Neuankommen, Entbehrungen und Ausgrenzung erlebt. Auch die Kinder- und Enkelgeneration ist noch davon geprägt.

Ich unterhalte mich sehr viel mit Menschen und habe festgestellt, dass es zwei grundlegende Umgehensweisen gibt. Die einen verhärten durch eigenes Leid und mögen anderen kaum gönnen, wenn es ihnen besser ergeht. Die anderen reagieren mit Mitgefühl. Die einen sagen: uns hat auch keiner was geschenkt. Die anderen: ich weiß, wie schwer das damals war. Das soll anderen nicht widerfahren.

Ich denke, über 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und 30 Jahre nach der Wende gibt es immer noch viel zu verarbeiten, persönlich und gesamtgesellschaftlich.

Das ist keine Entschuldigung für Hass und Hetze. Rassismus und Ausgrenzung haben in unserem Sachsen keinen Platz. Hier soll Platz sein für ein offenes und solidarisches Miteinander, damit jeder Mensch seine konstruktiven Persönlichkeitsanteile entfalten kann.

Deswegen stehe ich dafür

  • Zivilcourage zu stärken
  • Rassistische Hetze in jeder Form zu ahnden
  • Initiativen zu fördern, die geschichtliche Umbrüche aktiv aufarbeiten
  • Projekte zu unterstützen, die Menschen in gelingenden Dialog bringen – zwischen den Generationen und verschiedenen Herkünften
  • Einsamkeit und Vereinzelung entgegen zu wirken
  • und eine Kultur der Wertschätzung zu leben
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